Geschichteforum Aufsatz

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Ich habe lange überlegt, wo ich dieses Universalgenie nun unterbringen soll. Er passt sowohl zur Geschichte der Naturwissenschaften als auch in die Kunstgeschichte. Schließlich habe ich mich jedoch für letzteres entschieden, da er vor allem durch seine Bilder im Gedächtnis der Menschen geblieben ist.

In Vinci, einem kleinen Ort in der Toskana wird Leonardo als uneheliches Kind der Bäuerin Caterina und des Notars Piero di Antonio am 15. April 1452 geboren. Sein Vater heiratet bald darauf eine andere Frau. Diese Ehe bleibt jedoch kinderlos so dass er seinen inzwischen fünfjährigen Sohn zu sich nimmt. Dort bleibt Leonardo bis zu seinem 17. Lebensjahr.

Leonardo sieht sich schon damals selbst als anders als die anderen Menschen. Seine Intelligenz und sein Charme bewahren ihn jedoch davor, ein Außenseiter zu werden. Schon während seiner Kindheits- und Jugendjahre liebt er es, die Natur zu beobachten. Dem jungen Leonard graut vor Wissen, das durch das Studium von Büchern angeeignet ist. Sein Ziel ist es, durch Erforschung der Natur die Welt zu begreifen.

„Mir ist wohl bewusst, dass ich kein Belesener bin, und dass es einigen Überheblichen rechtens erscheinen könnte, mich zu schelten (…) Wissen diese denn nicht, dass meine Dinge weniger aus dem Wort als nur aus der Erfahrung abzuhandeln sind, welche Lehrmeisterin derer war, die gut geschrieben haben.“

1468 wird er in der Werkstatt des Bildhauers und Malers Andrea del Verrocchio aufgenommen. Dort arbeit er zusammen mit Größen wie dem jungen Botticelli und Perugino. Aus dieser Zeit stammt auch die früheste Kostprobe seiner malerischen Fähigkeiten. Der Engel auf der Verrocchios „Taufe Christi“ stammt von Leonardo und Gerüchte besagen, dass der Lehrmeister so erschüttert darüber war, dass diese Gestalt so „vollkommen (ausgeführt war), dass sie besser wurde als die Figuren von ihm selbst. Unwillig, dass ein Kind mehr wisse als er, mochte (er) deshalb von der Zeit an nicht mehr mit Farben umgehen.“

Im Jahre 1476 wird da Vinci zusammen mit seinen Mitschülern aufgrund einer anonymen Beschuldigung homosexueller Handlungen angeklagt. Ihnen wird Unzucht mit einem Modell aus Verrocchios Atelier vorgeworfen. Durch Einsatz seines Meisters sowie anderer angesehener florentiner Familien wird Leonardo freigesprochen. Dieser Vorfall scheint auf den ersten Blick Spekulationen, da Vinci sei schwul gewesen, zu untermauern. Eine solche Schlussfolgerung zu ziehen ist mehr als voreilig, zumal lediglich ein namenloser Denunziant als Beweis vorhanden ist.

Die Menschen seiner Zeit belächeln Leonardo. Er ist stets knapp bei Kasse, da er es sehr oft nicht schafft, einen Auftrag zu Ende zu bringen. Den Kopf voller neuer Ideen, fällt es ihm schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Trotz seiner Geldnot kauft er des öfteren Vögel am Markt, nur um sie unter den staunenden Blicken von Passanten in die Freiheit zu entlassen. Er selbst meint dazu: „Niemand hat das Recht, ohne Prozess ein Lebewesen, sei es Tier oder Mensch, einzusperren. Jeder hat von Gott seine Freiheit empfangen, und niemand kann sie rauben.“

1481 erhält er vom Kloster San Donato den Auftrag für eine Anbetung der Könige, dieser Auftrag bleibt jedoch unvollendet. Einen Gönner findet er auch in Lorenzo de´ Medici, bei dem er jedoch nicht lange verweilt. Er beginnt, sich für Mathematik und Architektur zu interessieren und fertigt seine ersten technischen Zeichnungen.

In der Hoffnung, neue Horizonte kennen zu lernen, verlässt er Florenz und geht nach Mailand an den Hof von Ludovico Sforza. Er arbeitet dort jedoch nicht als Maler, sondern als Bildhauer und Gießer. Da Vinci hegt auch den Wunsch, als Ingenieur anerkannt zu werden. Er konstruiert allerlei Kriegsgerät, beispielsweise Orgelgeschütze und begeistert sich für Zahnräder und Flugmaschinen. Er erarbeitet einen mechanischen Grill, eine Art automatischen Wagen „für den Transport von Personen. Außerdem baut er einen Lift, eine Lötlampe und eine Bohrmaschine. Er konstruiert eine Maschine, mit der man Nadeln herstellen kann und zeichnet Walzwerke für die Metallverarbeitung. Auch stammen aus seiner Feder Zeichnungen Stadtpläne, die ein Lüftungssystem und ein modern anmutendes Abwassernetz beinhalten.

Auf seinen Zeichnungen, die genauste Wiedergaben der Fauna und Flora bis hin zu anatomischen Studien darstellen, fällt eine Besonderheit auf. Da er Linkshänder war, schreibt er Erklärungen zum Dargestellten zumeist von Rechts nach Links.

Zu seinem Aufgabenbereich gehört es auch, Feste zu inszenieren. Besonders erwähnenswert ist hier die Hochzeit von Gian Galeazzo Sforza mit Isabella von Aragon, bei der da Vinci es schaffte, „singende“ Planeten und den Lichtgott Apollo in Szene zu setzen. Seine berühmtesten Werke aus dieser Zeit sind das Bildnis der Cecilia Gallerani, das unter der Bezeichnung „Dame mit dem Hermelin“ berühmt geworden ist und die Felsgrottenmadonna (Paris). Nach 1500 wird er noch eine zweite Felsgrottenmadonna (London) schaffen, die sich von der ersten lediglich in der Machart unterscheidet.

Seine atemberaubend realistischen Darstellungen von Körperteilen verdankt Leonardo nicht zuletzt einer grausigen Methode. Er seziert Leichen, um den genauen Verlauf der Muskeln erkennen zu können und dokumentiert die Ergebnisse in zahlreichen anatomischen Skizzen. Erstmals stellt er die Krümmungen der Wirbelsäule realistisch dar und erforscht Eigenheiten des menschlichen Skeletts, wie etwa die Kieferhöhe, die erst 1651 von Highmore wieder entdeckt werden sollte. Um sich Vorwürfen der Ketzerei zu entziehen, bemüht sich da Vinci, seine Erkenntnisse nicht publik werden zu lassen.

Ein Reiterstandbild, das Francesco Sforza darstellen soll, bleibt unvollendet. Der Entwurf zu diesem Werk, ein Terakotta-Prototyp wird im Jahre 1500 zerstört, was Michelangelo, den Rivalen unseres Meisters zu spott anregen wird.

Um 1483 verlässt Leonardo für einige Zeit Mailand. Er selbst schreibt von einer „Reise in den Orient“, was jedoch nicht zu beweisen ist. Verblüffend sind jedoch die Einzelheiten, mit denen er das Taurusgebirge und den Euphratstrom beschreibt. Diese Details können jedoch auch aus Reiseberichten anderer Abenteurer stammen, so dass es fraglich ist, ob er sich jemals in den Nahen Osten begeben hat.

Ein zerlumptes Kind namens Salai, das da Vinci auf der Straße auffindet, wird 1491 von ihm adoptiert. Vielleicht stellt dies einen Versuch dar, seine Gefühlsleere zu kompensieren.

1499 geht er nach Venedig. Er erfindet eine Art Unterseeboot und kreiert Taucheranzüge. Wie so oft, werden diese Ideen jedoch nicht realisiert. Ein Jahr später zieht es ihn, immer noch in Begleitung von Salai, zurück nach Florenz. Die politischen Veränderungen, die die Stadt am Arno in der Zeit seiner Abwesenheit gezeichnet haben, lässt da Vinci viel Zeit im toskanischen Umland verbringen, dessen Naturschönheiten ihm viel Kraft zurückgeben.

1502 tritt er in den Dienst Caesare Borgias, wo er mit der Überprüfung von Befestigungsanlagen beauftrag wird. Während seiner Reisen im Auftrag des Sprosses von Alexander VI. zeichnet er ein mechanisches Übersetzungsgetriebe, das als Vorgänger unseres modernen Getriebes gilt. Den Auftrag für die Schlacht von Anghiari erhält Leonardo 1503. Er experimentiert für dieses Gemälde mit einer besonderen Beschichtung, was durch ungeschickte Trocknungsmethoden zur Zerstörung des Werkes führt. Glücklicherweise sind jedoch viele Studien zu diesem Gemälde erhalten geblieben.

Entmutigt kehrt er Florenz den Rücken: „Während ich glaubte, leben zu lernen, lernte ich zu sterben.“ Sein Weg führt in abermals nach Mailand, wo er in die Dienste des Franzosen Charles d´Amboise tritt, von dem er den Auftrag erhält, ein Monument für Gian Giacomo Trivulzio zu gestalten. Dieses Vorhaben bleibt jedoch, wie so viele andere, unvollendet. Da Vinci gilt als eigenbrötlerisch. Er fügt sich weder den modischen Zwängen, noch kann er es lassen, Vögel auf Märkten freizukaufen. Von Anfeindungen lässt er sich aber nicht mehr beeindrucken. „Die Langmut gegenüber Beschimpfungen spielt dieselbe Rolle wie die Kleider gegen die Kälte: Wenn es kälter wird, musst du mehr Kleider anziehen.“ Von nun an begleitet ihn neben Salai ein neuer Freund auf seinem Lebensweg. Der fünfzehnjährige Francesco Melzi schließt sich ihm an.

Dem Ruf Kardinals Giuliano de Medici folgend ist Rom sein nächster Arbeitsort. Nach dessen Tod fühlt sich da Vinci in der Stadt am Tiber jedoch unerwünscht, was nicht zuletzt mit der kritischen Haltung Leo X. ihm gegenüber zusammenhängt. Auch ist er dem Gespött Michelangelos ausgesetzt, für den die missglückte Schlacht von Anghiari ein gefundenes Fressen ist.

Wie ein Geschenk des Himmels erscheint Leonardo das Angebot Franz I. von Frankreich, unseren Meister unter Bezahlung eines großzügigen Altersgeldes, in seine Dienste zu nehmen. In Begleitung von Melzi geht er 1516 nach Frankreich. Dort wird ihm die Achtung und Bewunderung entgegengebracht, die ihm gebührt. Seine letzten Jahre verbringt er damit, an technischen Projekten zu arbeiten.

Am Vorabend des Osterfestes 1519 setzt er sein Testament auf. Nach Abnahme der Beichte stirbt Leonardo am 2. Mai selben Jahres.

Aus Platzgründen habe ich versucht, politische Verstrickungen der Zeit wegzulassen. Der Aufsatz wollte und wollte jedoch nicht kürzer werden. Alle Versuche, diesen Beitrag zu beschneiden, verwarf ich umgehend wieder als ketzerisch, da mir die Dinge, die hier stehen, zu wichtig erschienen, als dass man sie guten Gewissens weglassen könnte. Ich hoffe, ihr verzeiht mir.

Quelle:
Jean-Claude Frère, Leonardo da Vinci